Europäische PV-Wertschöpfungskette: Branche fordert Wiederaufbau

Eine Hand hält eine transparente Platte mit vier unterschiedlich strukturierten Solarzellen gegen einen blauen Himmel mit Wolken.Foto: Petair / stock.adobe.com
Bei Solarzellen und Wafern bestehen laut ESMC erhebliche Lücken in der europäischen Fertigung. Die Initiative fordert den Aufbau der gesamten PV-Wertschöpfungskette.
Mehr als 35 Unternehmen und Institutionen wollen die europäische PV-Wertschöpfungskette mit Herkunftskriterien, Marktschutz und Förderung stärken. Ihr gemeinsamer Vorstoß zum Industrial Accelerator Act richtet sich besonders auf die bislang schwach vertretene Zell- und Waferproduktion.

Der European Solar Manufacturing Council (ESMC) hat einen gemeinsamen Brief zur europäischen PV-Wertschöpfungskette an Mitglieder des Europäischen Parlaments versandt. Die am 12. Oktober veröffentlichte Mitteilung richtet sich an Parlament, Rat und Mitgliedstaaten. Ein begleitendes Positionspapier erfasst mehr als 100 europäische Produktionsstandorte und beschreibt Lücken zwischen den Fertigungsstufen. Beide Dokumente gingen an die Mitglieder der Ausschüsse für Industrie, Binnenmarkt und internationalen Handel.

Die Unterzeichnenden fordern, den Industrial Accelerator Act (IAA) für den Wiederaufbau der vollständigen Produktionskette zu nutzen. Das Gesetz soll europäische Herkunft streng definieren und frühzeitig Anwendung finden. Innerhalb von fünf Jahren nach Inkrafttreten soll es alle solaren Fertigungsstufen erfassen.

Neben Unternehmen und Institutionen aus weiteren EU-Ländern unterzeichneten aus Deutschland CS Wismar Sonnenstromfabrik, FENECON, Lapmaster Wolters, M10 Solar Equipment und Oxford PV. Hinzu kommen PVA TePla, RCT Solutions, RENA, SINGULUS TECHNOLOGIES, Swift Solar und Wacker. Aus Österreich beteiligen sich AIT, DOMICO, Ecoplus Green Building Cluster, Lenzing Plastics, TPPV und Welser Profile. Aus der Schweiz unterzeichnete 3S Swiss Solar Solutions.

Nach dem Positionspapier soll europäische Fertigung bis 2030 rund 40 Prozent des europäischen Solarbedarfs decken. Das entspricht etwa 30 GW jährlich. Dafür fordert der ESMC Produktionskapazitäten vom Silizium über Ingots, Wafer und Solarzellen bis zum fertigen Modul.

Europäische PV-Wertschöpfungskette mit Lücken bei Zellen und Wafern

Nach Angaben des Positionspapiers verfügt Europa über mehr als 75 Modulmontageunternehmen. Nur wenige Unternehmen produzieren hingegen Solarzellen oder bauen Zellkapazitäten im Gigawattmaßstab auf. Für Ingots und Wafer nennt das Papier ein einziges Projekt. Bei Polysilizium erfasst es einen Hersteller und ein weiteres Projekt.

Die Unterzeichnenden halten Modulmontage allein deshalb für unzureichend, um die Abhängigkeit von ausländischen Lieferketten zu verringern. Beim Produktionsmaschinenbau beschreibt das Papier eine breitere Basis: Mindestens 38 spezialisierte europäische Unternehmen decken nahezu alle Prozessschritte ab. Bei mehreren Schritten seien sie weltweit die einzige Alternative zu chinesischen Anbietern.

Die Initiative fordert daher, einen festgelegten Anteil der Fertigungsförderung an europäische Produktionsausrüstung zu knüpfen.

Marktschutz und Hilfen für den laufenden Betrieb

Neben Herkunftskriterien verlangt die Initiative Schutz vor systemischen Überkapazitäten, ausländischen Subventionen und Dumping. Investitionsförderung soll den Fabrikaufbau unterstützen und privates Kapital mobilisieren.

Zusätzlich fordern die Unterzeichnenden begründete, gezielte und zeitlich begrenzte Betriebskostenhilfen. Sie verweisen darauf, dass laufende Kosten die Wirtschaftlichkeit der Solarproduktion maßgeblich bestimmen.

Eine automatische Ausweitung europäischer Herkunftskriterien auf Partner mit Freihandelsabkommen lehnen sie ab. Stattdessen unterstützen sie eine begrenzte Definition des Unionsursprungs mit optionaler Einbeziehung weiterer Partner.

30-GW-Szenario beziffert Beschäftigung und Mehrkosten

Das Positionspapier wertet Zahlen des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme aus. Demnach könnte eine vollständige Produktionskette mit jährlich 30 GW Modulausstoß rund 80.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze ermöglichen. Das Papier nennt einen jährlichen Beitrag von etwa 4 Milliarden Euro zum EU-Bruttoinlandsprodukt. Steuern und Sozialabgaben würden jährlich rund 2 Milliarden Euro erreichen.

Das Papier veranschlagt jährlich rund 5,2 Milliarden Euro Förderung. Nach Abzug erwarteter Steuern und Sozialbeiträge von rund 2 Milliarden Euro ergeben sich rechnerisch Nettoförderkosten von etwa 3,2 Milliarden Euro jährlich. Den Effekt auf den durchschnittlichen EU-Strompreis gibt es mit rund 0,25 Cent je Kilowattstunde beziehungsweise 2,8 Prozent an.

Den größten Einzelposten des geschätzten Aufschlags führt das Papier auf das angenommene Ende chinesischer Preise unter Herstellungskosten zurück. Nach Einschätzung der Initiative werde diese Preisgestaltung unabhängig von europäischen Maßnahmen enden.

Der Aufschlag liege dem Papier zufolge innerhalb des Resilienzspielraums, den der Net-Zero Industry Act bei Ausschreibungen zulässt. Der ESMC versteht europäische Fertigung als Ergänzung zu günstigen Importen und internationalen Technologiepartnerschaften. Eine vollständige Abschottung fordert das Papier demnach nicht. Die Initiative will Europas Abhängigkeit von überwiegend chinesischen Solarkomponenten verringern und europäische Forschungsergebnisse industriell nutzen.

Quelle: European Solar Manufacturing Council (ESMC) | www.solarserver.de © Solarthemen Media GmbH

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